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Kreuzbetrachtung



Für die Christenheit ist das Kreuz von Anfang an das verehrungswürdige Zeichen der Erlösung. Gar nicht im Sinne menschlichen Denkens hat Gott die Weit mit sich versöhnt. "Das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft... Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: Für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit ...., für die Berufenen aber Gottes Kraft und Gottes Weisheit". (I.Kor. 1,18 ff.)

Schon das leere Kreuz soll uns vor Augen führen, daß der Mensch die Richtung nach oben braucht, den Glauben an das Unbedingte. Diese Tatsache zeigt der überlange Längsbalken an. Der Querbalken ist am Längsbalken befestigt. Er trägt sich nicht selbst. Er kann sich nicht selber halten. Er fällt von sich aus in die Tiefe. Das Kreuz ist Sinnbild für den leicht übersehenen Grundbefund: Mitmenschlichkeit, jedes Ausgreifen nach der Umweit verliert den Halt, sinkt und zerfällt, wenn es nicht gehalten ist vom Glauben und der Treue zu Gott. Gott allein, der über uns ist, schützt Beginn und Ende des menschlichen Lebens. Wer Gott liebt, dem ist alles kostbar, was aus des Schöpfers Hand Leben hat.

Diese einleuchtende Erkenntnis über Gott, Mensch und Welt, die jede Religion vermitteln möchte, ist leibhaftig greifbar geworden in Jesus Christus, Gottes Sohn, für uns Mensch geworden, am Kreuz gestorben und auferstanden.

Bei der Kreuzesdarstellung in der Pfarrkirche St.Maria ist der Leib des Herrn ein gemarterter, ausgebluteter Körper mit verrenkten Gliedmaßen. Doch das Haupt bleibt herrscherlich und gütig aufgerichtet. Die Augen sind hoheitsvoll der Gemeinde zugewendet. Die Dornenkrone schwebt wie ein duftiger Kranz über dem Haupt des Siegers. Er ist nicht am Kreuz angeheftet, sondern geht vom Kreuz herabsteigend auf den Beschauer zu. Ja, der rechte Arm greift mit gespannter Geste nach der Gemeinde. Tot und lebendig! Erinnern wir uns an die Worte des Herrn von seinem Tod: "Der Menschensohn muß erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben habe*!" (Joh. 3,14) "Wenn ich am Kreuz erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen". (Joh., 12, 32) "Kommet alle zu mir, die ihr unter Lasten stöhnt. " (Mt.11,28).

Auf den ersten Blick befremden die sieben übergroßen Blutstropfen aus der geöffneten Seite. Eindringlich weisen sie hin auf die Quelle des Heils. Die Frucht der Erlösung fließt uns zu in den sieben Sakramenten, vermittelt durch die Kirche, "die Christus geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie imWasser und durch das Wort rein und heilig zu machen." (Eph.5,26). Der Soldat, der den Leib des Gekreuzigten bis ins Herz durchstieß, hat nach Johannes eine geheimnisvolle Weissagung des Propheten Sacharja erfüllt. "Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben. Sie werden um ihn klagen, wie man um den einzigen Sohn klagt; sie werden bitter um ihn weinen, wie man um den Erstgeborenen weint." (Sach.12,10) "Und der es gesehen hat, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr." (Joh.19,35) Die Offenbarung des Johannes nimmt das Wort des Sacharja noch einmal auf, "und jedes Auge wird ihn sehen, auch alle, die ihn durchbohrt haben." (Apk.1,7) -im Hinblick auf das durchstochene Herz Jesu werden alle Menschen sehen, was sie in Wirklichkeit, wissend oder nur ahnend, angestellt haben. Die Schuldigen werden auch sehen, daß ihre Schuld in jene Wunde aufgenommen und gesühnt ist. Der Gekreuzigte ist der Widerhall der Menschensünde in Gott. Im Gekreuzigten ist Gottes Gerechtigkeit und Liebe aufgerichtet, der niemand ausweichen kann.

Die Verknotungen an den Balken sind mehr als künstlerische Phantasie. Sie weisen auf den Kreuzesbaum. "Denn verblendet aß sich Adam einst vom Baume das Gericht; doch der Schöpfer voll Erbarmen wollte sein Verderben nicht und hat selbst den Baum erkoren, der den Fluch des Baumes bricht.

Heilig Kreuz, du Baum der Treue, edler Baum, dem keiner gleich, keiner so an Früchten reich." (Stundengebet von Kreuzerhöhung).
Wie die ersten Christen (crux gemmata) schmücken wir das Kreuz mit kostbaren Steinen, Zeichen der Verehrung und Liebe. "In herrlichem Glanz erstrahlt das Kreuz, siegreich herrscht es und schenkt der Welt das Heil, halleluja." (Stundengebet von Kreuzerhöhung)

Der Bildhauer, Josef Henger, hat sich einer schweren Aufgabe gestellt. Gegensätze, tot und lebendig, ans Kreuz geheftet und herabsteigend, herrscherlich und barmherzig, sollte er in eine Gestalt verschmelzen. Wir dürfen dem Bildhauer Dank wissen für sein Werk. Wir würden die Absicht des Kunstwerkes verkennen, wenn wir beim Schauen stehen bleiben.